Berufsbild Altenpflege

Aktuelle Reportagen über die Arbeit in der Pflege


A) Wenn Zeit Glück ist

„Was Glück für mich in meinem Beruf bedeutet?“ Über diese Frage muss Schwester Ursel Meyer (Name geändert) erst mal ein wenig nachdenken. Die 57-Jährige arbeitet seit über 23 Jahren als Pflegehelferin im AWO Seniorenzentrum Idar-Oberstein. Heute soll sie nicht nur ihre Frühschicht wie gewohnt machen, sondern zusätzlich einem Reporter Einblicke in ihre Arbeit gewähren und Fragen beantworten. „Glücklich bin ich hier immer dann, wenn ich genug Zeit für meine Bewohner habe.“ Heute scheint so ein Tag zu sein, an dem Schwester Ursel glücklich sein kann. Denn zurzeit helfen ihr eine Pflegeschülerin und eine Praktikantin dabei, ihre zwölf Bewohner zu pflegen.

 

„Die noch rüstigen Bewohner morgens zu pflegen, geht relativ problemlos. Richtig zeitaufwändig ist die Pflege derer, die kaum noch etwas allein bewerkstelligen können“, erzählt sie. Eine der Bewohnerinnen, die viel Zeit benötigen, ist Friede Weindel (Name geändert). Sie kennen sich schon seit mehr als fünf Jahren. „Sehen Sie diese Fotos an der Wand? So wie auf diesen Bildern konnte Frau Weindel noch bis vor kurzem viele Freizeitangebote - zum Beispiel die Bastelstunde und den Chor - wahrnehmen. Doch seit ihrem Schlaganfall ist sie an ihr Bett und den Rollstuhl gebunden“, sagt sie, während sie geduldig der alten Dame das Marmeladenbrot reicht. „Frau Weindel, wollen Sie denn heute gar nichts sagen?“ Eigentlich redet Frau Weindel recht gern beim Frühstücken. Ihr Sprachzentrum wurde zwar durch den Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen. Da sie sich aber schon so lange kennen, versteht Schwester Ursel immer noch, was Frau Weindel meint. Langsam beugt sie sich über das Bett und dreht sich Frau Weindel zu, bis dass nur noch wenige Zentimeter die Gesichter trennen und spricht sie jetzt mit ihrem Vornamen an. „Friede, möchten Sie noch ein bisschen trinken?“ Mit der einen Hand berührt sie die Wange der alten Dame, während sie mit der anderen Hand den Becher in das Sichtfeld von Frau Weindel führt. Auf ihre Frage folgt ein kaum wahrzunehmendes Nicken und Frau Weindel trinkt einige Schlucke. Jetzt spricht Schwester Ursel die Bewohnerin noch einmal mit ihrem Vornamen an. Die pflichtbewusste Pflegerin erklärt, dass Frau Weindel auf die Anrede mit ihrem Vornamen eher reagiert und sich persönlicher angesprochen fühlt. Ihre Wangen berühren sich und Frau Weindel, die bis dahin nicht einen Laut von sich gegeben hatte, fängt an zu erzählen. In diesem Augenblick ist deutlich zu spüren, dass eine gute Pflege mehr bedeutet als satt und sauber.

 

Hier am Pflegebett ist Schwester Ursel in ihrem Element. „Für mich ist das Seniorenheim wie ein zweites Zuhause. Wenn ich längere Zeit nicht hier war, vermisse ich meine Arbeit richtig.“ Dabei verhalf ihr eher der Zufall zu ihrem Beruf als Altenpflegerin. „Ursprünglich wollte ich Friseurin werden. Aber weil ich allergisch auf die ganzen Chemikalien in den Haarfärbemitteln reagiert habe, musste ich die Ausbildung abbrechen.“ Stattdessen heiratete sie früh und bekam eine Tochter. Die Ehe hielt nicht lange; nach der Scheidung musste sie plötzlich finanziell auf eigenen Beinen stehen. Anfangs arbeitete sie als Putzkraft im Haus. Doch als es finanziell zu eng wurde, wechselte sie in die Küche. „Die Arbeit als Küchenhilfskraft lag mir überhaupt nicht. Vor allem der raue Umgangston – damals! - war überhaupt nichts für mich.“ Dass sie schließlich in der Altenpflege ihre Berufung gefunden hat, hat sie vor allem Einrichtungsleiter Fred Dreher zu verdanken. Er kannte sie schon lange, sie kommen aus demselben Ort. Er holte sie aus der Küche in die Pflege. Das war 1986. Seitdem hat sie zahlreiche Fortbildungen absolviert. Eine Ausbildung zur examinierten Pflegerin hat sie jedoch nie angestrebt. „Ich bin eine Frau der Praxis. Früher durfte ich als Pflegehilfskraft sehr viele Dinge machen, die heute nur noch die examinierten Pflegekräfte machen dürfen.“ Allerdings fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu: „Wenn ich heute noch mal zurückblicke, würde ich wahrscheinlich schon die Fachausbildung machen.“

 

Viele Angehörige haben ein schlechtes Gewissen, wenn ihre Eltern in ein Pflegeheim kommen. „Ein Stück weit kann ich mich in ihre Situation versetzen“, versichert sie. Ihre eigene Mutter war mit 79 Jahren Bewohnerin des Hauses. „Bei ihr habe ich unmittelbar erlebt, wie gewinnbringend ein Seniorenheim für die Bewohner ist. Meine Mutter blühte hier bei uns noch einmal richtig auf. Die andere Umgebung, eine andere Form der Zuwendung und auch das Verlassen der häuslichen Zwänge hat meiner Mutter richtig gut getan.“ Nachdenklich schaut sie durch das Fenster. „Eines Tages wurde ich plötzlich auf die Station meiner Mutter gerufen. Es ginge ihr nicht gut, hieß es. Ich bin sofort losgelaufen. Als ich bei ihr ankam, war sie schon tot.“ Auch nach all den Jahren in der Pflege ist das Thema Tod ein schwieriges Thema für Schwester Ursel. Noch immer ist sie stark betroffen, wenn einer ihrer Bewohner stirbt. „Oft ist der Tod eine Erlösung. Wenn aber ein Bewohner plötzlich verstirbt, dann nimmt mich das sehr mit. Oft dauert es eine ganze Woche, bis ich so eine Situation verarbeitet habe.“

 

Zum Abschalten oder auch nur zum kurzen Verschnaufen geht sie hinaus auf die Terrasse. Sie tankt ein bisschen frische Luft und kümmert sich um „ihre“ Katzen. Vor sieben Jahren hatte ein Bewohner heimlich angefangen, zwei wilde Katzen zu füttern. Plötzlich verstarb der Mann. Die Katzen waren trotzdem noch da und hatten Hunger. Seitdem kümmert sie sich um die mittlerweile sieben Katzen. Sie füttert sie, fährt mit ihnen zum Tierarzt und lässt sie sterilisieren. Selbst wenn sie krank ist, schaut sie nach den Katzen. „Dann komme ich im Dunkeln her. Sonst denken meine Kollegen noch: Ach guck mal. Eigentlich ist sie krank, aber zu ihren Katzen kann sie gehen“, schmunzelt sie.

 

Der Alltag in der Pflege lässt sie kaum Zeit zum Innehalten. „Im Laufe der Zeit wurde der Zeitdruck immer stärker. Ich hoffe inständig, dass dieser Trend bald gestoppt wird“, äußert sie nachdenklich. Der Dienstplan regelt nicht nur ihr Berufsleben. Er regelt auch ihr privates Leben. Früher freute sie sich nach einem Wochenenddienst auf ein freies Wochenende. Heute hat sie im Monat an drei Wochenenden Dienst und nur ein Wochenende komplett frei. Manchmal fragt sie sich, wie lange das noch gut gehen wird. Vor allem für sie persönlich. „Viele Kolleginnen in meinem Alter reduzieren ihre Arbeit und kommen nur noch Teilzeit. Ich muss aber alleine für mich sorgen. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als bis Mitte 60 zu arbeiten.“ Ob sie das körperlich schaffen wird, kann sie nur hoffen.

 

Gelegentlich fragt sich Ursel Meyer, ob sie noch einmal diesen Weg gehen würde. „Ich bin sehr glücklich in meinem Beruf. Wenn ich aber noch einmal jung wäre, würde ich Tierpflegerin werden.“ Den jungen Pflegeschülern und Praktikanten rät sie, sich möglichst rasch die Besonderheiten des Pflegeberufs vor Augen zu führen. „Der Pflegeberuf ist kein Job wie jeder andere. Du musst dich komplett selbst einbringen – seelisch und körperlich. Wer dazu bereit ist, der nimmt hier im Pflegeheim eine ganze Menge mit. Dann wird die Arbeit zu einer Lebensschule, die einem viel von dem zurückgibt, was man geben muss.“ Während sie dies sagt, bereitet sie die nächste Morgenwäsche vor. Ohne Hektik geht der Vormittag vorüber. Heute war Zeit ihr Glück.                                                          (thb)



B) Zwischen Computer und Pflegebett

Donnerstagnachmittag, 14 Uhr, im AWO Seniorenzentrum „Kannenbäckerland“ in Höhr-Grenzhausen. Claudia Walter schaltet ihren Computer aus und freut sich nach sieben Stunden Arbeit an ihrem Schreibtisch auf den Feierabend. Claudia Walter ist nicht etwa Bürokauffrau oder Sachbearbeiterin – nein, sie arbeitet als Wohnbereichsleiterin im Seniorenzentrum. Normalerweise steht sie schon früh morgens am Pflegebett ihrer Bewohner, um sie zu waschen, anzuziehen, Essen anzureichen und zu betreuen. Doch zweimal im Monat hat sie ihren „Organisationstag“. Dann widmet sie sich ausschließlich den Akten und Plänen, um den administrativen Rahmen für die nächsten Wochen zu stecken.

 

Gerade als sie die Pflegevisiten ausarbeitet, klingelt ihr Telefon. Eine Kollegin der Spätschicht meldet sich krank. Sie liegt mit Fieber im Bett. Wie lange sie ausfällt, steht noch nicht fest. Eine typische Situation, der Claudia Walter gelassen begegnet. Nach kurzer Rücksprache mit der Pflegedienstleitung und einem Telefonat ist schnell Ersatz für die Spätschicht gefunden. Zum Glück kann sich Claudia Walter darauf verlassen, dass sich fast immer ein Kollege oder eine Kollegin findet, die auch kurzfristig einspringt. „Uns Pflegende zeichnet eine große soziale Ader aus. Hier ist fast jeder bereit, kurzfristig auszuhelfen, auch wenn man für seinen freien Tag schon was anderes geplant hatte. Wer keine soziale Ader hat, der bleibt nicht lange in diesem Beruf“.

 

Hin und wieder muss auch sie einspringen. Für ihre Familie ist das  nicht immer leicht, vor allem wenn gemeinsame Unternehmungen ausfallen. Doch ihre zwei Kinder und ihr Ehemann unterstützen sie in ihrer Arbeit und haben meist Verständnis. „Meine Familie geht mir über alles“, versichert die 42-Jährige. „Trotzdem kam es für mich nie in Frage, meinen Beruf aufzugeben. Dafür liebe ich meine Arbeit viel zu sehr. Auf die Arbeit am Computer könnte ich gut verzichten – aber ohne meine Bewohner und Kollegen würde mir etwas fehlen.“

Ihr Talent für den Pflegeberuf entdeckte Claudia Walter schon sehr früh. Bereits mit 16 Jahren arbeitete sie als Praktikantin in der Altenpflege. „Eigentlich wollte ich immer Krankenschwester werden. Weil ich aber kein Blut sehen konnte, habe ich mich für die Altenpflege entschieden“, gesteht sie augenzwinkernd.

 

Seit fast 20 Jahren arbeitet sie nun schon im Seniorenzentrum „Kannenbäckerland“, davon seit 15 Jahren als Wohnbereichsleiterin. In dieser Zeit hat sich ihre Arbeit stark gewandelt. Als Schnittstelle zwischen den Pflegenden und der Pflegedienstleitung ist Claudia Walter sehr eng dran am Team der Pflegenden und weiß daher genau, was die Pflegenden im Moment beschäftigt. Deshalb wurde ihr durch die Einrichtungsleitung im Laufe der Zeit ein größerer Gestaltungsspielraum zugestanden. Damit verbunden ist jedoch eine größere Verantwortung für das, was in ihrem Wohnbereich passiert. Dass es kaum möglich ist, es immer allen recht zu machen, musste Claudia Walter schnell lernen. „Ich befinde mich sozusagen in einer Sandwich-Position: Auf der einen Seite muss ich mich an die Vorgaben der Einrichtungs- und Pflegedienstleitung halten. Auf der anderen Seite muss ich natürlich auch die Interessen meines Pflegeteams berücksichtigen. Anfangs habe ich mir noch tagelang den Kopf zerbrochen, wenn es Konflikte gab. Mittlerweile habe ich mir ein dickes Fell zugelegt.“

 

Wichtigstes Mittel zur Vermeidung von Konflikten ist für die eloquente Wohnbereichsleiterin das offene Gespräch. „Früher gab es häufig Konflikte mit der Küche. Seit wir uns regelmäßig treffen und über unsere Arbeit reden, haben wir ein gemeinsames Verständnis füreinander entwickelt. Seitdem treten Konflikte wesentlich seltener auf.“ Um ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zum Austausch zu geben, hat Claudia Walter ein gemeinsames Frühstück eingeführt. Bei diesem morgendlichen Ritual werden dienstliche und private Dinge besprochen. „Unser Beruf ist nicht nur körperlich sehr fordernd. Auch psychisch werden wir manchmal an unsere Grenzen geführt“, sagt Claudia Walter. „Wenn ein Bewohner, den man jahrelang gepflegt hat und der einem ans Herz gewachsen ist, stirbt, geht das nicht spurlos an uns vorbei.“ Gerade dann sei es gut und wichtig, im Kollegenkreis darüber zu sprechen.

 

Viele Kolleginnen im Pflegeteam arbeiten schon jahre- oder sogar jahrzehntelang im Seniorenzentrum „Kannengießerland“. Der Grund liegt für sie auf der Hand: „Das Besondere an der AWO ist, dass sie ständig am Puls der Zeit bleibt. So gehen keine wesentlichen Neuerungen in der Altenpflege an uns vorbei, und es gibt keinen Grund, das Haus zu wechseln.“ Diese fortschrittliche Haltung birgt jedoch auch die Gefahr der Überlastung; vor allem dann, wenn zu viele Neuerungen auf einmal kommen. In solchen Situationen ist es ihre Aufgabe als Wohnbereichsleiterin, die Notwendigkeit und den Sinn bestimmter Neuerungen zu verdeutlichen und das Team immer wieder aufs Neue zu motivieren.

 

Nach dem gemeinsamen Frühstück setzt sich Claudia Walter zurück an den Computer. Die administrativen Aufgaben erledigt sie gleichwohl gewissenhaft wie routiniert. Ihre wirkliche Passion ist jedoch die Arbeit mit den Bewohnern. Beim Gang über den Flur wird sie „Liebchen“, „Tante“ oder „Schätzchen“ gerufen. Ein älterer Herr kokettiert regelmäßig damit, Claudia Walter sei seine Ehefrau. Sie stört das nicht. Sie empfindet die Kosenamen als Kompliment. „Gerade dieser persönliche Kontakt treibt mich jeden Tag aufs Neue an. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn sich meine Bewohner freuen, dass ich für sie da bin.“

Am Ende des Tages ist Claudia Walter froh, dass sie die administrativen Aufgaben für die nächsten Wochen zum größten Teil erledigt hat. Morgen früh wird sie wieder am Pflegebett stehen und sich ganz ihren Bewohnern widmen.                                             (thb)



c) Auch im Altenheim selbstbestimmt leben

Rheinland. Frau Berger (Name geändert) wohnt nun schon mehrere Jahre im Altenheim. Sie möchte aufgrund ihrer psychischen Erkrankung keinen Kontakt zu Mitbewohnern. Sie möchte auch an hauseigenen Aktionen nicht teilnehmen. Sie ist sich selbst genug und verbringt die meiste Zeit in ihrem Zimmer, hört Radio und lebt in ihrer eigenen Welt. Sie klingelt, wenn sie Hilfe benötigt oder Bedarf nach sozialen Kontakten hat. In ihrem Zimmer fühlt sie sich sicher.

 

Eines Tages fand man sie morgens im Treppenhaus auf einem Sessel sitzend, mit Kopfkissen und Deckbett, vor ihr der Rollator mit ihrem Radio und einige andere ihrer kleinen Schätze. Große Aufregung im Altenheim: „Das geht doch nicht, man kann die Frau doch nicht dort sitzen lassen!“

Alle Versuche, sie zurück auf ihren Wohnbereich zu begleiten, scheiterten. Sie wehrte sich dagegen. Und wenn man es doch irgendwie geschafft hatte, sie zurückzubringen, saß sie wenige Minuten später wieder mit Sack und Pack auf dem von ihr ausgewählten Platz im Treppenhaus. Das erste Mal wurde Frau Berger in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Sie war kurz danach wieder im Altenheim. Die Diagnose lautete: „Ohne Befund“.

Die Hausleitung musste nun entscheiden, wie mit Frau Berger umzugehen ist. Sie entschied sich dafür, Frau Berger dort sitzen zu lassen und zu beobachten, was passiert. Frau Berger wurde also im Treppenhaus versorgt. Sie bekam dorthin ihr Essen; Getränke wurden regelmäßig angeboten; Mitarbeiter führten mit ihr Gespräche. Und Frau Berger? Sie schien sich wohlzufühlen. Auch nachts war sie nicht dazu zu bewegen, in ihr Bett zu gehen. Sie hatte es sich in dem bequemen Sessel mit Kissen und Decke gemütlich gemacht. Das Radio spielte. Frau Berger war freundlich und gesprächsbereit, jedoch mit keinerlei Überredungskünsten dazu zu bewegen, diesen Platz zu verlassen.

Nach drei Tagen war sie verschwunden. Sie war wieder in ihr Zimmer umgezogen.

 

Dieses Verhalten wiederholt sich. Frau Berger hat sich lediglich einen anderen Platz ausgesucht. Sie sitzt irgendwann plötzlich im Foyer, mit ihren Kissen und Decken. Das Radio ist immer dabei. Als ob dies das Normalste auf der Welt sei. Die anderen Bewohner sind empört, und es ist eine helle Aufregung unter ihnen.  Frau Berger stört es nicht. Sie sitzt auf ihrem Platz, ist freundlich, kommuniziert mit Besuchern und Personal, ignoriert die aufgebrachten Bewohner und wird von den Mitarbeitern umsorgt. Genau so plötzlich wie sie dort erschienen ist, ist sie nach etwa drei Tagen wieder verschwunden.

 

Diese Toleranz aufzubringen, war nicht einfach für die Mitarbeiter. Es kamen viele Bedenken wie: „Was werden denn die Besucher sagen? Man kann die Frau doch nicht einfach dort sitzen lassen!“ Warum nicht? Wenn Frau Berger dies doch genau so möchte. Sie ist nicht verwirrt. Sie kennt Mitarbeiter mit Namen und weiß sie einzuordnen. Sie geht selbstständig auf die Toilette, sie weiß auch, wo sie diese im Foyer findet.

 

Der Grund für ihr Verhalten ist recht einfach zu erklären. Durch die selbst gewählte und von ihr gewünschte Isolation kommt es bei Frau Berger im Laufe der Zeit zu einer Reizverarmung. Sie kompensiert dies unbewusst durch ihren Umzug ins Foyer – etwa viermal im Jahr. Dort erlebt sie zahlreiche neue Reize: andere Gerüche, andere Geräusche, viele soziale Kontakte und visuelle Reize. Wenn sich ihr unbewusstes Bedürfnis nach neuen Reizen erfüllt hat, geht sie zurück in ihre gewohnte Umgebung. Bis zum nächsten Umzug.

 

Selbstbestimmt zu leben, angenommen und respektiert zu werden, mit allen meinen Eigenheiten, das wünsche ich mir auch für mein Alter.

 

Birgit Mai


Arbeiterwohlfahrt
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