Im Altenheim das Laufen lernen

- Agnes Behringer
Interview mit Agnes Behringer
Leiterin des AWO Seniorenzentrums Neuwied
Im Altenheim das Laufen lernen
Neuwied. Agnes Behringer leitet seit 2008 das AWO Seniorenzentrum Neuwied. Aufgrund ihrer Initiative entstand das Haus der Generationen, das junge und alte Menschen unter einem Dach zusammenbringt.
Frage: Was macht das AWO Haus der Generationen so einzigartig in der Region?
Behringer: Dass Kinder Altenhilfeeinrichtungen besuchen, Lieder singen und bei Festen Tänze aufführen, ist sicher kein innovatives Gesamtkunstwerk. Dass Kinder viele alte Menschen mit ihrer Unbekümmertheit, Neugier und Lebensfreude erfreuen, ist nicht neu. Neu ist auch nicht, dass viele Kinder bei ihren Großeltern mehr Geduld und Großzügigkeit bei kleinen Vergehen erleben, als bei ihren erziehungsgeplagten Eltern. Was uns jedoch von all dem unterscheidet ist, dass Kinder bei uns nicht zufällig ein- und ausgehen, dass sie nicht nur Besucher sind, sondern Teil unseres Zusammenlebens. Sie gehören zum Bild der Einrichtung und tragen mit ihrem Wesen, ihrer Anwesenheit und mit ihren Entwicklungsfortschritten täglich zu unvergesslichen Erlebnissen bei. Der Lebensrhythmus von Jung und Alt ist nahezu identisch, so dass die Begegnungen nicht durch Ruhestörung oder nervenaufreibende Auseinandersetzung gekennzeichnet sind. Je weiter die Generationen entfernt sind, umso friedlicher verlaufen Generationenkonflikte, scheint es. Um all das erleben zu dürfen, braucht es eigentlich nur eines: den Mut und den Willen diese Kombination zuzulassen. Und vielleicht ist es dies, was uns einzigartig macht. Empfehlenswert für andere Einrichtungen ist es allemal. Was fördert das Generationenverständnis mehr als Menschen, die einmal sagen: Ich habe im Altersheim laufen gelernt.
Frage: Die gute alte Zeit, heißt es oft. Stimmt das? War in der Vergangenheit vieles wirklich besser?
Behringer: Wie würdevoll und modern Menschen im Alter leben sollen, war schon immer auch ein Wahlkampfthema. Die Unterlagen der Neuwieder SPD weisen in den 60er Jahren darauf hin, dass die Modernisierung der Altenheime ein politisches Schwerpunktthema war. Damals wurde in der Presse das ‚moderne’ Altenheim ausgelobt, in dem sich die ‚Heiminsassen’ wohlfühlen sollten. Doch in der guten alten Zeit gab es andere Rahmenbedingungen, die sich nicht so positiv lesen. Zunächst einmal war die Einrichtung vor 50 Jahren vor allem für alte – jedoch nicht unbedingt pflegebedürftige Menschen gebaut worden. Es gab keinen barrierefreien Zugang. Zu Beginn umfasste das Raumangebot 80 Altenheimzimmer zwischen 9 und 11 Quadratmeter. Heute sind es 20 Quadratmeter. Es gab Gemeinschaftsbäder und Gemeinschaftstoiletten, die Zimmer hatten keine Nasszellen. Dass der Bedarf nicht ausreichen sollte, vor allem für die pflegebedürftigen Menschen, zeigte sich schon nach fünf weiteren Jahren. Es wurde eine Pflegestation für 30 Pflegebedürftige mit Vierbettzimmern angebaut. 1967 wurde nochmals erweitert, und weitere 65 Plätze entstanden. Aufgrund des nicht sehr hohen Komforts und der gestiegenen Auflagen musste die Einrichtung im Jahr 1985 ihrer Nachfolgerin, in der wir heute sind, weichen. Dennoch blieb ein Relikt aus der guten alten Zeit. Der Gedenkstein des Künstlers Claus Föhr aus Trier steht heute in unserem Park und erinnert die jüngere Generation, das Vermächtnis der vorangegangenen zu würdigen. Die Vergangenheit zeigt die Innovationsfreude der AWO. Schon zu Beginn wurde geplant, #hübsche Wohnungen’ für die Beschäftigten zu erbauen, damit das ‚schwer arbeitende Personal’ (RZ vom 18. August 1965) einen Anreiz und Wertschätzung hat.
Auch die Frage nach den Finanzen war in der guten alten Zeit schon immer vorhanden. Aus den Zeitungsreportagen ist zu erkennen, dass bereits damals ‚Verdächtigungen aufkamen, der Privatzahlende würde den Aufenthalt der Sozialhilfe-Empfänger mitfinanzieren’. Damals waren 33,5 Prozent der Bewohner im Sozialhilfebezug. Heute sind es über 60 Prozent der Bewohner, die ihren Aufenthalt nicht mehr selbst finanzieren können.
Von daher ist die gute alte Zeit vergleichbar mit den Außentemperaturen. Jeder empfindet die Vergangenheit anders.
Frage: Die Wertschätzung der Älteren durch Jüngere: Gab es das früher wie heute?
Behringer: Bevor sich der Bezirksverband Rheinland um das Wohl der Älteren kümmerte, errichtete er – so die Zeitungsartikel – schon vor 1933 ein Kinderheim in Sayn und eine Erholungsstätte auf Namedy. 1955 eröffnete das erste Altersheim in Koblenz, und Neuwied war 1960 neben Idar-Oberstein das dritte im Bunde. Der AWO Kinderhort in Neuwied besteht schon seit über 50 Jahren in der Nachbarschaft. Jung und Alt standen also beim Bezirksverband Rheinland immer im Mittelpunkt – jedoch nicht unter einem Dach.
Vor 50 Jahren waren viele Familienstrukturen anders aufgestellt als heute. Durch das Mitleben der älteren Generation in den Familien gab es naturgegeben den engen Kontakt zu alten Menschen. Dies hat sich dahingehend verändert, dass die Oma und der Opa nicht mehr im täglichen Miteinander wahrgenommen werden, da Familien häufig nicht mehr unter einem Dach leben können oder wollen. Das Zusammenleben der Generationen ist heute zerklüftet. Um diesem Trend entgegenzuwirken und das Erlernen von gegenseitiger Wertschätzung zu fördern, wurde im Jahr 2008 das Haus der Generationen hier in Neuwied eröffnet.
Frage: Die Pflege ist weiblich. Gilt diese Aussage weiterhin, und trifft das auch auf das Seniorenzentrum Neuwied zu?
Behringer: Die Pflege von alten und gebrechlichen Menschen war seit jeher eher ein Thema von Frauen. Von daher hat sich die Altenpflege zu einem typischen Frauenberuf entwickelt, in den sich mittlerweile auch männliche Kollegen wagen. Unsere Einrichtung liegt hier voll im Trend. Gut 11 Prozent der Mitarbeiter sind heute Männer. Jedoch mit einem Unterschied. In unserer Einrichtung haben immer Frauen die Geschicke gelenkt – als Einrichtungsleiterin und als Pflegedienstleiterin. Das ist ein kleiner Rekord innerhalb des Bezirksverbandes Rheinland.
Frage: Muss sich die Sprache verändern, wenn wir mit alten Menschen anders umgehen wollen?
Behringer: Bevor die Pflegewissenschaft und die Gerontologie mit geballter Fachlichkeit das Altern erforschte, gab es umgangssprachlich noch Terminologien, die das Verhalten alter Menschen beschrieben. Diese Sprache war vielleicht ein wenig gnädiger und nicht so sehr auf Krankheitsbilder und Defizite fixiert. Durften alte Menschen früher einfach altersschwach, vergesslich oder schlichtweg ein wenig durcheinander sein, so sind heute Begriffe wie Marasmus senilis oder senile Demenz im Sprachgebrauch üblich. Ob diese Begrifflichkeiten das Verständnis für das Verhalten und die Veränderung von alten Menschen verstärken, bezweifle ich. Vielleicht erleichtern einfache, beschreibende Begrifflichkeiten auch der jüngeren Generation das Verstehen von Altersphänomenen.
(Die Fragen stellte Axel Holz.)
Überblick zur Geschichte
Die Geschichte des AWO Seniorenzentrums Neuwied im Überblick
6. August 1960
Auf Initiative des AWO Bezirksverbandes Rheinland/Hessen-Nassau (heute AWO Rheinland) wird das Altenheim Neuwied an der Andernacher Straße mit 80 Plätzen seiner Bestimmung übergeben.
1964
Das bestehende Altenheim wird um 30 Plätze erweitert
April 1967
Der zweite Erweiterungsbau wird eingeweiht; 65 weitere Arbeitsplätze sind entstanden
1985
Baubeginn für ein neues Haus am selben Standort, Andernacher Straße 52-54
19. Dezember 1987
Während einer Weihnachtsfeier wird der erste Bauabschnitt seiner Bestimmung übergeben
16. Mai 1989
Der zweite Bauabschnitt ist fertiggestellt. Das Haus wird unter dem Namen „Sozialzentrum der AWO“ während einer Feierstunde offiziell eingeweiht
1997
„Sozialzentrum der AWO“ wird umbenannt in „Altenheim der AWO“
1. Dezember 2008
Einzug der ersten Kindertagesstättenkinder
27. März 2009
Das „Altenheim der AWO“ wird umbenannt in AWO Haus der Generationen, Seniorenzentrum Neuwied. Außerdem erfolgt die offizielle Eröffnung der Außenstelle des AWO Kinderhorts Neuwied unter dem Namen AWO Haus der Generationen, Kindertagesstätte Neuwied.
20. August 2010
50-Jahr-Feier des Seniorenzentrums Neuwied
Festprogramm
Programm zur 50-Jahr-Feier (Stand 16. Juli 2010)
14 Uhr
Ökumenischer Gottesdienst
14.45 Uhr
Ansprachen (Interview-Runde)
15 Uhr
Musik und Tanz
Sängerin „Vita“ singt das Lied des AWO Haus der Generationen
Auftritte der Kinder der AWO Kindertagesstätte der Musikschule Neuwied
der Tanzgarde der 1.Großen Neuwieder Karnevalsgesellschaft mit Prinzengarde
Kaffee, Würstchen vom Grill, Kuchen, Getränke
Überraschungen für Groß und Klein
Führungen durch das Haus
17.15 Uhr
Ende des offiziellen Programms
Arbeiterwohlfahrt
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